Warum Menschen mit Migrationserfahrung unser Gesundheitssystem nicht sprengen

Es ist fast schon ein vertrautes Ritual und erinnert an „Täglich grüßt das Murmeltier“: Eine reißerische Schlagzeile, ein empörter Kommentar, ein paar politisch bestens verwertbare Zahlenfragmente, und am Ende bleibt das Gefühl, „die Anderen“ würden unser Gesundheitssystem ausnutzen. Genau dieses Bild zeichnen FPÖ-Funktionär:innen und Teile der Boulevardpresse regelmäßig, wenn es um Menschen mit Migrationserfahrung geht.

Jetzt kommt ein Punkt, den man in den üblichen Debatten praktisch nie hört: die meisten Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft wurden nicht in Österreich geboren. Das heißt, sie haben oft das besonders teure erste Lebensjahr gar nicht im österreichischen System verbracht. Und ein relevanter Teil – vor allem der ersten Generation – kehrt im hohen Alter – wieder ins Herkunftsland zurück. Das ist deshalb relevant, weil da dann die höchsten Kosten im System entstehen. Die Pension wird weiter aus Österreich überwiesen, aber die teuersten medizinischen Leistungen fallen vielfach im Ausland an.

Schaut man sich jedoch an, wie Gesundheitskosten tatsächlich entstehen, kippt dieses Bild sehr schnell. Gesundheitsausgaben verteilen sich nämlich nicht gleichmäßig über das Leben. Im ersten Lebensjahr sind die Kosten pro Kind um ein Mehrfaches höher als bei Menschen im Erwerbsalter, und ab etwa 50 Jahren steigen die Ausgaben deutlich an, im hohen Alter erreichen sie ihren Höhepunkt1 2. Das ist gut so – ein solidarisches Gesundheitssystem soll gerade dort viel leisten, wo Menschen besonders verletzlich sind: bei Neugeborenen und bei älteren Menschen.

Wenn man das nüchtern betrachtet, ergibt sich ein klares Bild: Viele Menschen mit Migrationserfahrung sind genau in jenen Lebensphasen in Österreich, in denen sie arbeiten, Beiträge zahlen oder vergleichsweise wenig Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.3 4 Sie finanzieren damit unser solidarisches System mit – inklusive der hohen Kosten für jene, die in Österreich geboren wurden und hier auch ihren gesamten Lebensabend verbringen.

Heißt das, es gäbe keine zusätzlichen Ausgaben? Nein. Studien zeigen, dass geflüchtete Menschen in den ersten Jahren nach der Ankunft oft höhere Gesundheitskosten haben als Einheimische, weil sie mit schweren körperlichen und psychischen Belastungen ankommen und Behandlungen nachholen, die ihnen vorher verwehrt waren.5 Andere Gruppen, etwa klassische Arbeitsmigrant:innen, liegen hingegen anfangs deutlich unter dem Ausgabenniveau der österreichischen Bevölkerung und nähern sich erst nach einigen Jahren an.6

Wer seriös über diese Fragen diskutieren will, muss also zwei Dinge gleichzeitig sehen:

  • Die Struktur unseres Gesundheitssystems: teuer am Anfang und am Ende des Lebens, finanziert durch die Erwerbsphase.
  • Die Realität von Migration: Viele Migrant:innen tragen genau in dieser finanzierenden Phase bei, ohne das System in den teuersten Lebensabschnitten voll zu belasten.

Wenn dennoch der Eindruck erzeugt wird, Migration sei „das“ Kostenproblem im Gesundheitssystem, dann ist das keine Analyse, sondern ein politisches Projekt. Es geht darum, den berechtigten Frust über reale Probleme, wie etwa lange Wartezeiten oder spürbare Personalengpässe, auf eine greifbare Gruppe zu lenken, statt sich mit der tatsächlichen Struktur der Finanzierung, der Verteilung von Ressourcen und den Versäumnissen der Politik auseinanderzusetzen.

Ein solidarisches Gesundheitssystem lebt davon, dass viele mittragen, damit alle die Behandlung bekommen, die sie brauchen. Menschen mit Migrationserfahrung tun genau das – Tag für Tag, als Versicherte, als Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich und als Beitragszahler:innen. Wer ihnen pauschal „Kostenexplosion“ unterstellt, attackiert in Wahrheit nicht sie, sondern das Prinzip der Solidarität selbst.

Quellen (Fußnoten)

  1. Health expenditure – Statistics Austria (Gesundheitsausgaben in Österreich laut System of Health Accounts). Verfügbar unter: https://www.statistik.at/en/statistics/population-and-society/health/health-care-and-expenditure/health-expenditure (STATISTIK AUSTRIA) ↩︎
  2. Gesundheitsausgaben in Österreich – Statistik Austria (DE) (mit Alters- und Geschlechtertabellen). Verfügbar unter: https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gesundheit/gesundheitsversorgung-und-ausgaben/gesundheitsausgaben (STATISTIK AUSTRIA) ↩︎
  3. Health care utilization of refugees (JKU Working Paper – Gesundheitsausgaben und Nutzungsmuster von Geflüchteten in Österreich). Verfügbar unter: https://ideas.repec.org/p/jku/cdlwps/wp1808.html (IDEAS/RePEc) ↩︎
  4. Übersichtsliteratur zu Migrant:innen und Gesundheitsversorgung in Europa: Migrants’ and refugees’ health status and healthcare in Europe (BMC Public Health). Verfügbar unter: https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12889-020-08749-8 (SpringerLink) ↩︎
  5. Studien zu Nutzungsmustern und Barrieren für Geflüchtete in Österreich (z. B. Barriers to health care access and service utilization of refugees in Austria). Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30878171/ (PubMed) ↩︎
  6. Systematische Übersichten zu Nutzungsmustern von Gesundheitsdiensten durch Migrant:innen in Europa. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28108435/ (PubMed) ↩︎

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