Manchmal gibt es Abende, bei denen man schon währenddessen merkt: Das war etwas Besonderes. Gestern war so ein Abend. Susanne Siegert aka „keine.erinnerungskultur“ (so ihr Name auf TikTok & Instagram) war bei uns in Wels zu Gast und hat beim Weinphilosophen ihr Buch „Gedenken neu denken“vorgestellt. Susi Siegert ist als „keine.erinnerungskultur“ auf den Plattformen TikTok und Instagram aktiv. Dort finden ihre Videos zum Thema Gedenken, historische Verantwortung und die Zeit des NS hunderttausende vor allem junge Menschen, die sich so mit der eigenen Geschichte beschäftigen. Sie hat im Herbst 2025 ihr erstes Buch herausgebracht. Ein extrem lesenswertes Buch, das mich zumindest stark reflektieren hat lassen. Als ich vor einigen Monaten mit der Idee sie einzuladen zum Sprecher der Welser Initiative gegen Faschismus gegangen bin, hatten wir ehrlich gesagt noch keine Ahnung, wie stark dieser Abend werden würde.
Und das Schöne: Dieses Gefühl hatte nicht nur ich. Nach der Veranstaltung habe ich noch mit vielen Besucher:innen gesprochen und ausnahmslos alle haben das ähnlich erlebt. Der Vortrag, das Buch, die anschließende Diskussion, das Eingehen von Susanne auf Wels und seine Geschichte, das alles hat gezeigt, wie lebendig und wichtig Erinnerungskultur sein kann, wenn man sie ernst nimmt und wenn man sie neu ordnet und diskutiert.
Ein zentraler Gedanke ihres Buches ist, dass Gedenken mehr sein muss als ritualisierte Formen und bekannte Symbole. Natürlich haben Denkmäler, Gedenkfeiern und historische Orte ihre Berechtigung. Aber wirkliche Auseinandersetzung beginnt oft viel näher: vor der eigenen Haustür, in der eigenen Stadt, in der eigenen Familiengeschichte. Die Täter:innen der NS-Zeit waren eben nicht nur die Göths, Himmlers oder Kochs, sondern auch Familienmitglieder, Nachbar:innen, Freund:innen der Familie, eben vermeintlich ganz normale Menschen.
Entsprechend spannend waren auch die vielen praktischen Hinweise, die Susanne gegeben hat: Wie kann man eigentlich die eigene Geschichte recherchieren? Wo findet man Hinweise auf das, was in der eigenen Gemeinde passiert ist? Welche Archive gibt es, welche Quellen? Das hat für viele im Raum sichtbar neue Perspektiven eröffnet. Denn genau darum geht es letztlich: Geschichte nicht nur abstrakt zu erinnern, sondern konkret zu verstehen. Zu begreifen, was damals geschehen ist und welche Verantwortung daraus bis heute entsteht.
Und: Geschichte findet vor der eigenen Haustüre statt. Gerade wir in Wels und Umgebung sollten sich dessen bewusst sein. Gunskirchen war „die Hölle auf Erden“ wie es der Überlebende Daniel Channoch einmal treffend sagt. In wenigen Monaten wurden dort tausende Menschen sich selbst überlassen, ließ man sie verhungern, setzte man sie dem Sadismus der Wachmannschaften aus, ließ schwere Krankheiten dafür sorgen, dass tausende Menschen qualvoll starben. Mitten im Wald, nahe der Traun, heute ein Naherholungsgebiet. Die Insassen des Lagers wurden in Todesmärschen hingetrieben, auch durch Thalheim. Hier liegen auch zumindest 15 Menschen aus diesen Todesmärschen begraben.
Ebenfalls ein spannender Aspekt: Oft wird in Diskussionen gesagt, man müsse gerade jetzt besonders gedenken, wegen der internationalen Entwicklungen oder wegen des zunehmenden Rechtsextremismus. Susanne hat zurecht hingewiesen, dass Gedenken keine Reaktion auf aktuelle politische Entwicklungen sein kann. Es ist eine dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe. Unabhängig davon, wie laut oder leise rechtsextreme oder antisemitische Stimmen gerade auftreten. Und natürlich muss unser Anspruch „Wider jeden Antisemitismus“ sein, immer, dauerhaft. Erinnern bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Für unsere Gegenwart und für die Zukunft.
Umso schöner war es gestern zu sehen, wie viele verschiedene Menschen gekommen sind. viele, die man eben nicht bei ANTIFA-Veranstaltungen trifft. Besonders gut, wie viele junge Menschen dabei waren und sich aktiv in die Diskussion eingebracht haben. Das zeigt: Dieses Thema lebt. Und das ist gut so. Daran sieht man auch, dass die Herangehensweise, die Überlegungen von Susanne Siegert nicht nur verstanden und geteilt werden, sondern auch ein interessanter und spannender Ansatz für viele in unserer Gesellschaft sind.
Oder anders gesagt: Danke, liebe Susanne, dass du nach Wels gekommen bist.
Danke für den spannenden Abend, für die vielen Denkanstöße und für dein Engagement für eine lebendige Erinnerungskultur. Und danke an alle, die da waren und diesen Abend zu dem gemacht haben, was er war. Ein Abend, der noch lange nachwirken wird.
Hier findet ihr mehr zur Arbeit von Susanne Siegert:
Instagram-Kanal
TikTok-Kanal
Wikipedia-Eintrag
PS. Ich hatte den ultimativen Fan-Moment, als ich mein Buch signieren habe lassen. Auch das will ich Euch nicht vorenthalten. Ehrlich.
