Mit der Bahn auf die Insel

Ich war ein wenig überrascht über manche Reaktion in den sozialen Medien auf ein Video, das ich während unseres Familienurlaubs in London aufgenommen habe. Darin ging es um die anhaltende Trockenheit, die Hitze und deren sichtbare Auswirkungen in England. Ich wollte damit zeigen, dass es sich dabei längst nicht um ein lokales Phänomen in Österreich handelt. Hitze, Trockenheit und ihre Folgen sind in weiten Teilen Europas deutlich zu spüren.

Einige Kommentare beschäftigten sich allerdings weniger mit dem Inhalt des Videos als mit meiner Reise nach England. Der Vorwurf: Ich würde über den Klimawandel reden, sei aber gleichzeitig nach London geflogen und würde damit selbst kräftig dazu beitragen. So weit, so nachvollziehbar. Im Kopf vieler Menschen scheint das Flugzeug als einzig realistisches Verkehrsmittel auf eine Insel fest verankert zu sein. England liegt schließlich hinter dem Meer. Wie sollte man sonst dorthin kommen?

Die einfache Antwort lautet: mit dem Zug.
Wir waren als Familie zwölf Tage mit Interrail unterwegs. Von Österreich über Deutschland nach Brüssel, weiter durch den Eurotunnel nach Großbritannien und danach über Cardiff, Liverpool und Birmingham bis nach London. Zurück ging es wieder mit der Bahn über Brüssel und Deutschland nach Hause. Trotzdem wollten manche selbst nach dieser Erklärung nicht so recht glauben, dass wir tatsächlich mit dem Zug gefahren waren. Fast so, als wäre eine Reise nach England auf der Schiene eine besonders exotische Expedition. Dabei war es weder kompliziert noch besonders abenteuerlich. Zumindest nicht abenteuerlicher als jede andere längere Reise mit Kindern und mehreren Gepäckstücken.

Das eigentlich Spannende an einer solchen Reise ist, dass man unterwegs nicht einfach tausende Kilometer überspringt. Beim Fliegen besteht die Reise meist aus zwei voneinander getrennten Teilen: Man fährt zum Flughafen, wartet, fliegt und befindet sich wenige Stunden später plötzlich an einem völlig anderen Ort. Im Zug verändert sich die Umgebung schrittweise. Man sieht Landschaften, Städte und Regionen vorbeiziehen. Man erlebt, wie sich Architektur, Sprache und Atmosphäre verändern. Die Entfernung zwischen zwei Orten wird wieder spürbar.

Wir waren nicht nur in London. Wir waren in Brüssel, Cardiff, Liverpool und Birmingham. Wir sind durch Belgien, Frankreich und den Eurotunnel gefahren. Wir haben unterschiedliche Städte erlebt, sind durch Bahnhöfe gegangen, haben eingekauft, Menschen beobachtet und unterwegs immer wieder neue Eindrücke gesammelt. Die Reise war damit nicht bloß der notwendige Weg zum Urlaubsort. Sie war selbst ein Teil des Urlaubs. Genau darin liegt für mich der Reiz des Bahnreisens. Man sieht mehr. Man nimmt Entfernungen anders wahr. Und man beginnt eine Reise nicht erst nach der Ankunft, sondern bereits beim Einsteigen.

Entspannter reisen, wenn man Entspannung einplant: Natürlich ist eine Zugreise nicht automatisch entspannt. Auch das möchte ich nicht romantisieren. Züge können verspätet sein. Anschlüsse können knapp werden. Gepäck muss getragen werden. Und wer den Fahrplan so eng konstruiert, dass jede Verzögerung sofort zum Problem wird, nimmt den Stress einfach vom Flughafen mit auf die Schiene. Entspannt wird Bahnreisen dann, wenn man auch bei der Planung Entspannung zulässt.

Das bedeutet: nicht jeden Tag komplett zu verplanen. Nicht davon auszugehen, dass jede Verbindung auf die Minute funktioniert. Zeit für Pausen einrechnen. Längere Aufenthalte nicht als verlorene Zeit betrachten. Und auch einmal akzeptieren, dass ein Tag anders verläuft als ursprünglich vorgesehen. Gerade beim Reisen mit der Familie ist das entscheidend. Manchmal tun die Füße weh. Manchmal ist es zu heiß. Manchmal braucht jemand einfach eine Pause. Dann muss man bereit sein, einen Programmpunkt zu streichen oder einen Tag umzustellen. Wir haben genau das gemacht. Unsere Reise war geplant, aber nicht vollständig durchgetaktet. Wir haben Pläne verändert, Pausen eingebaut und manche Dinge bewusst ausgelassen. Dadurch wurde die Reise nicht schlechter, sondern besser.

Was ich heute anders machen würde? Ganz ohne Fehler war unsere Planung trotzdem nicht. Rückblickend würde ich vor allem bei der Hin- und Rückreise jeweils einen zusätzlichen Tag in Deutschland einplanen. Den Faktor „Deutsche Bahn“ hatte ich ehrlich gesagt unterschätzt. Die langen Strecken zwischen Österreich und Brüssel waren jene Teile der Reise, bei denen ich zu wenig Entspannung vorgesehen hatte. Hier wollte ich zu viel Strecke an einem Tag bewältigen. Das funktioniert zwar, aber es macht die Reise unnötig anstrengend und erhöht den Druck, wenn irgendwo eine Verbindung nicht wie geplant funktioniert.

Beim nächsten Mal würde ich daher sowohl auf der Hinreise als auch auf der Heimreise einen Zwischenstopp einbauen. Eine Nacht in Köln oder in Frankfurt wäre keine verlorene Zeit. Im Gegenteil: Sie würde aus einer langen Anreise einen weiteren Teil der Reise machen. Genau das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis dieser zwölf Tage: Wer mit der Bahn reist, sollte nicht versuchen, das Flugzeug nachzuahmen. Das Ziel muss nicht sein, möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Der Vorteil liegt gerade darin, unterwegs zu sein, Zwischenstopps zu machen und Orte kennenzulernen, an denen man sonst vorbeigeflogen wäre. Bahnreisen braucht Zeit. Aber Zeit ist nicht automatisch ein Nachteil.

Man kann lesen, reden, spielen, arbeiten, Musik hören oder einfach aus dem Fenster schauen. Man kann aufstehen, sich bewegen und gemeinsam überlegen, was man am nächsten Ziel erleben möchte. Vor allem aber verbringt man die Reise miteinander und nicht hauptsächlich mit Sicherheitskontrollen, Warteschlangen und der Suche nach dem richtigen Gate. Unsere zwölf Tage mit Interrail waren deshalb nicht nur eine klimafreundlichere Möglichkeit, nach Großbritannien zu kommen. Sie waren eine andere Art des Reisens. Wer nur möglichst schnell ankommen möchte, wird vermutlich weiterhin das Flugzeug bevorzugen. Wer aber bereit ist, den Weg als Teil des Erlebnisses zu betrachten, kann mit dem Zug sehr viel gewinnen.

Und ja: Man kann mit der Bahn nach England fahren. Sogar mit der ganzen Familie. Es ist weder unmöglich noch besonders verrückt.

Ein paar Eindrücke gibt es übrigens hier:

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Ein Beitrag geteilt von Ralph Schallmeiner (@schallimar)

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