Platten

Ich habe mir jetzt vor einigen Wochen einen Plattenspieler wieder angeschafft. Als meine Tochter vor 10 Jahren geboren wurde, habe ich den Akai-Plattenspieler, den ich damals hatte in den Keller gestellt, die Plattensammlung eingemottet und auch dazu gegeben. Der Grund war recht einfach: nachdem ich als Kleinkind meinem Vater nicht nur eine Nadel ruinierte, und wohl auch bei einem nicht unbeträchtlichen Teil seiner eindrucksvollen Plattensammlung dort und da meine Spuren hinterlassen hatte, erschien mir die Kleinkindsicherheit von Vinyl nur bedingt gegeben. Ich sollte übrigens Recht behalten, denn die im Wohnzimmer drapierten CDs waren mit ca. 10 Monaten ein beliebtes Spielzeug von Sara. Erst recht als sie merkte welche Gesichtszüge mir wie entgleiten können, wenn eine CD mal wieder durch das halbe Wohnzimmer geflogen kommt. Ich habe daher dann auch irgendwann mal die CD-Sammlung zur Plattensammlung gestellt, und zähneknirschend zuerst auf MP3-Sammlung und dann auf Streaming-Dienste umgestellt.

Leider hat sich mit dieser Umstellung auch mein Hörverhalten verändert. Klar habe ich auch nicht selten einfach von Lied zu Lied geskippt, aber im Großen war es schon so, dass ich mir eine Platte oder CD aufgelegt habe, diese vom ersten Lied bis zum letzten in einem gang durch angehört habe. Dem Vernehmen nach war es für viele Bands und Musiker eine mindestens so große Herausforderung die richtige Reihenfolge auf einem neuen Album zu finden, wie das Komponieren großartiger Songs. Und die Geschichten mancher Alben und warum welche Lieder an welcher Stelle gereiht wurden und warum welche Lieder es nicht schafften sind immer wieder schönes Beiwerk bei so mancher Musiker*innen-Biographie. Nicht umsonst, denn ein gut abgestimmtes aufeinander aufbauendes Album in einem durchzuhören macht nochmals mehr Freude (Ten von Pearl Jam ist so ein Fall). Es macht einen riesigen Unterschied wie man sich manche Alben anhört, ob man die von den Künstler*innen ausgedachte, ausgefeilte Reihenfolge einhält, oder ob man schnöde die Idee durchbricht und einfach Lieder skippt. Bei besonderen Alben (Sheik Yerbouti von Frank Zappa fällt mir da sofort ein) erwartest du auch automatisch bestimmte Lieder nach einem gehörten Titel. Und das ist gut so, zumindest meistens.

Jedenfalls hat sich über die Jahre mein Hörverhalten massiv geändert. In meiner Playlist auf dem Streaming-Portal meines Vertrauens finde ich kaum mehr ganze Alben, sondern nur noch die Highlights eines Albums oder das was ich dafür halte. Ich höre kaum noch Alben in einem durch, sondern will nur noch Hits, kein Beiwerk, keine Erklärung, keine Ausschmückung. Und irgendwie hat mich das mit der Zeit immer mehr angezipft. Auch das bewußte Hinsetzen, sich bewußt Zeit für ein Album, für eine Band oder einE Künstler*in zu nehmen, war weg. Schnell im Auto, unterwegs im zug ein wenig Musik hören. Ein paar Songs zur Stimmung passend, auf zum nächsten Termin, und gut ist es. Ich habe daher den Plattenspieler nicht so sehr wegen der viel besseren Klangqualität und dem warmen, feinen Sound gekauft, sondern viel mehr wegen des Rituals, des Sichzeitnehmens und des Genusses bei manchen Alben, der Freude bei anderen. An immer mehr Abenden läuft jetzt die Anlage, sitze ich entweder da und höre ganz genau hin oder lasse ich mich in feiner Qualität während ich arbeite beschallen. Einzig unterbrochen vom Aufstehen alle paar Minuten um entweder die Seite zu wechseln, oder um eine neue Platte aufzulegen. das ist vor allem beim Arbeiten auch kein Fehler, und bringt ein wenig Luft in das Ganze. Entschleunigung sozusagen.

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